Am 11. Januar 2026 haben die USA neue Zolltarife auf chinesische Importe angekündigt: 25% auf Consumer Electronics, 15% auf Textilien, variable Zölle auf Small Appliances. Was das für DACH-Brands bedeutet, ist seitdem die häufigste Frage, die wir bekommen. Die kurze Antwort: Es ist kompliziert, und die direkten Effekte sind nicht das größte Problem.
Direkter Effekt: keiner
Erstmal das Offensichtliche. Die US-Zölle gelten für Waren, die in die USA importiert werden. Wenn Sie eine deutsche oder europäische Brand sind, die in DACH verkauft, haben Sie direkt nichts mit den Tarifen zu tun. Niemand zahlt Extra-Zoll, wenn die Palette in Hamburg ankommt und in München verkauft wird.
Indirekter Effekt Nr. 1: Frachtraten
Die US-Importe aus China brechen ein. Die Containerschifffahrts-Unternehmen ziehen Kapazität von Trans-Pazifik-Routen ab und schieben sie auf Asien-Europa-Routen. Das Ergebnis, das wir seit Februar sehen: Frachtraten von Shanghai nach Hamburg fallen um ~18% YoY. Eine 40'-Box kostet aktuell ~$2.400, vor 6 Monaten noch $2.950.
Für DACH-Brands, die aus China importieren, ist das kurzfristig eine gute Nachricht. Mittelfristig ist es riskant: Wenn Containerrouten sich verschieben, werden Fahrpläne instabil, und die 28-Tage-Transportzeit aus Ningbo kann plötzlich 38 Tage dauern. Das haben wir im März bei zwei Lieferungen erlebt.
Indirekter Effekt Nr. 2: Überschuss-Ware schwappt nach Europa
Das ist der Effekt, der die meisten Brands umhauen wird — und über den kaum jemand spricht. Chinesische Fabriken, die bisher 60% ihrer Produktion in die USA exportiert haben, sitzen auf Kapazität. Diese Kapazität wird in den kommenden 12 Monaten nach Europa umgelenkt. Temu, Shein, Alibaba und Dutzende kleinerer B2B-Plattformen bekommen Ware zu Preisen, die 15-25% unter dem Normalniveau liegen.
Was das für europäische Brands bedeutet: Der Preisdruck im €15-80-Segment wird in Q2 und Q3 2026 noch einmal deutlich härter. Eine Brand, die heute in diesem Segment schon mit Temu-Alternativen konkurriert, muss sich auf eine zweite Welle einstellen.
Indirekter Effekt Nr. 3: Compliance und Herkunftsnachweise
Die EU verschärft parallel die Kontrollen auf Ursprungszeugnisse. Ware, die rechtlich als "Made in Vietnam" deklariert ist, tatsächlich aber nur in Vietnam umgepackt wurde (klassisches Tariff-Engineering), wird häufiger geprüft. Wir haben zwei Kunden, deren Sendungen im Januar im Zoll hingen, weil die Ursprungsnachweise nicht stimmten.
Wenn Sie aus Asien importieren: Prüfen Sie jetzt Ihre CoO-Dokumente. Nicht in 3 Monaten. Die Zeit, in der der Zoll Ursprungsangaben ungeprüft durchgewunken hat, ist vorbei.
Was jetzt zu tun ist
Konkret für DACH-Brands, die Ware aus Asien beziehen:
- Frachtraten neu verhandeln — jetzt, solange sie fallen
- Doppelte Sourcing-Option aufbauen, idealerweise in Vietnam oder Thailand, aber mit echten Produktionsstätten und echten CoO-Dokumenten
- Preis-Strategie für Q2/Q3 überprüfen und für 10-15% zusätzlichen Low-End-Druck planen
- Compliance-Audit der letzten 12 Importe auf Ursprungsnachweise
Was Trump in Washington verfügt, ist nicht Ihr direktes Problem. Aber die Zweit- und Dritteffekte werden Sie in den kommenden 6 Monaten mehr kosten als jede andere Marktveränderung 2026.
— Benedict

