Amazon hat im September 2025 seine Chargeback-Regeln für Vendor Central in Europa überarbeitet. Ohne Ankündigung, ohne Pressemitteilung, mit einem zweizeiligen Eintrag im Vendor-Portal. Wer das übersieht — und das sind viele — wird in Q4 eine unangenehme Überraschung erleben.
Was sich geändert hat
Drei Chargeback-Kategorien wurden verschärft:
PO Accuracy Chargeback: Vorher 1% pro Fehler, jetzt 2%. "Fehler" umfasst jetzt auch Teillieferungen, die früher unter einer 95%-Toleranz-Grenze liefen. Wir haben bei einer unserer Brands im ersten Monat nach der Änderung €11.200 an neuen Chargebacks gesehen — Geld, das einfach vom nächsten Rechnungslauf abgezogen wurde.
ASN Accuracy Chargeback: Advance Shipping Notices müssen jetzt nicht nur korrekt, sondern auch zeitgerecht gesendet werden. Zeitgerecht heißt: mindestens 4 Stunden vor Ankunft am FC. Wer seine ASNs wie früher 30 Minuten vor Anlieferung schickt, zahlt jetzt 1,5% Chargeback.
Labeling und Packaging: Hier ist die größte Änderung. Amazon prüft jetzt auf Basis eines Stichproben-Verfahrens, und jede Abweichung wird mit €0,50 pro Einheit berechnet (vorher: Pauschalbetrag pro Container). Für eine Lieferung mit 2.400 Einheiten und 3% Fehlerquote bedeutet das deutlich höhere Kosten — pro Container, potenziell mehrere pro Woche.
Warum das viele Brands übersehen
Vendor Central zeigt Chargebacks nicht als separate Zeile. Sie tauchen als "Cost Adjustments" im Payment Remittance auf, oft 60-90 Tage nach der eigentlichen Lieferung. Wer nicht aktiv monitort, sieht nur einen niedrigeren Netto-Betrag auf dem Konto und wundert sich.
Wir haben für unsere Vendor-Kunden ein internes Tool gebaut, das jede Woche das Payment Remittance parst und Chargebacks nach Typ, Datum und PO aufschlüsselt. Das ist nicht Luxus — das ist in 2025 die Minimum-Ausstattung für jede Brand über €500k Vendor-Umsatz.
Was man dagegen tun kann
Zwei Dinge wirken, alles andere nicht:
1. Dispute-Disziplin. Jeder Chargeback muss innerhalb von 30 Tagen disputed werden, sonst verfällt das Recht. Wir disputen jeden einzelnen Chargeback bei unseren Brands — und gewinnen in 38% der Fälle. Das ist Geld, das sonst verbrennt.
2. Operational Excellence. ASNs automatisiert senden (SFTP oder API, nicht manuell), Packaging-Compliance vierteljährlich intern prüfen, PO-Bestätigung tagesscharf. Jede dieser Maßnahmen kostet Setup-Aufwand, aber danach quasi nichts — und senkt die Chargeback-Quote um 60-80%.
Wer Vendor Central in Q4 2025 betreibt und diese Änderungen ignoriert, zahlt vermutlich einen mittleren fünfstelligen Betrag, ohne es zu merken. Die Änderung ist still — die Auswirkungen nicht.
— Ferdinand


