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CE, WEEE, VerpackG: Die Compliance-Checkliste für DACH

Benedict S.

Benedict S.

Finanzen & Verträge

Auf den Punkt

Brands ohne korrekte CE-Kennzeichnung werden vom Markt genommen. Die komplette Checkliste die wir intern nutzen.

Dieser Artikel ist eine Arbeitsunterlage. Keine Meinung, kein Storytelling — eine Checkliste die wir intern bei SELECTNOIR nutzen, wenn wir eine neue Brand in den DACH-Markt onboarden. Ich habe sie so aufbereitet, dass Sie sie direkt abarbeiten können.

Wichtig: Ich bin kein Anwalt. Das hier ersetzt keine Rechtsberatung. Aber es deckt 95% der Fälle ab, die wir in der Praxis sehen. Für Sonderfälle — Medizinprodukte, Lebensmittel, Kosmetik — brauchen Sie spezialisierte Berater.

Schritt 1: CE-Kennzeichnung

Betrifft: Nahezu alle Non-Food-Produkte die in der EU verkauft werden und unter eine EU-Richtlinie fallen (Elektronik, Spielzeug, Maschinen, persönliche Schutzausrüstung, Medizinprodukte, Bauprodukte u.v.m.).

Was es ist: Das CE-Zeichen bestätigt, dass Ihr Produkt die relevanten EU-Richtlinien einhält. Es ist keine Qualitätssiegel — es ist eine gesetzliche Pflicht.

Checkliste CE:

  • Identifizieren Sie welche EU-Richtlinien auf Ihr Produkt zutreffen. Die häufigsten: Niederspannungsrichtlinie (2014/35/EU), EMV-Richtlinie (2014/30/EU), RoHS (2011/65/EU), RED — Funkanlagenrichtlinie (2014/53/EU), Spielzeugrichtlinie (2009/48/EG).
  • Erstellen Sie die technische Dokumentation. Für jedes Produkt. Beinhaltet: Konstruktionszeichnungen, Materiallisten, Prüfberichte, Risikoanalyse.
  • Führen Sie die Konformitätsbewertung durch. Je nach Richtlinie selbst möglich (Modul A) oder durch eine benannte Stelle (Notified Body) erforderlich.
  • Erstellen Sie die EU-Konformitätserklärung. Muss enthalten: Hersteller, Produkt, angewandte Richtlinien, harmonisierte Normen, Datum, Unterschrift.
  • Bringen Sie das CE-Zeichen auf dem Produkt an. Mindestgröße: 5mm. Muss sichtbar, lesbar und dauerhaft sein.

Typische Kosten: €500 (einfache Produkte, Selbstbewertung) bis €5.000+ (komplexe Elektronik mit Prüflabor). Medizinprodukte: €10.000-50.000+.

Typische Dauer: 2-6 Wochen. Bei Notified Body-Beteiligung: 8-16 Wochen.

Risiko bei Nichtbeachtung: Verkaufsverbot. Amazon-Listing-Deaktivierung. Zollbeschlagnahme. Bußgeld bis €10.000. Bei Personenschäden: strafrechtliche Konsequenzen.

Schritt 2: WEEE-Registrierung

Betrifft: Alle Elektro- und Elektronikgeräte. Auch wenn sie nur eine LED enthalten. Auch Batterien.

Was es ist: WEEE steht für Waste Electrical and Electronic Equipment. Die Registrierung bei der stiftung ear stellt sicher, dass Sie die Entsorgungskosten für Ihre Elektrogeräte tragen.

Checkliste WEEE:

  • Prüfen Sie ob Ihr Produkt unter die WEEE-Richtlinie fällt. Im Zweifel: ja. Alles was einen Stecker hat, eine Batterie enthält oder mit Strom betrieben wird.
  • Registrieren Sie sich bei der stiftung ear (ear-system.de). Als Hersteller — oder als Bevollmächtigter (Authorized Representative) falls Sie außerhalb der EU sitzen.
  • Wählen Sie eine Gerätekategorie. Es gibt 6 Kategorien in Deutschland. Die falsche Kategorie kann zu Nachzahlungen führen.
  • Hinterlegen Sie eine insolvenzsichere Garantie. Das ist der teure Teil. Die Garantie deckt die Entsorgungskosten für den Fall dass Ihr Unternehmen insolvent wird. Typische Höhe: €2.000-8.000 je nach Menge und Kategorie.
  • Melden Sie vierteljährliche Mengen. Stückzahlen und Gewichte der in Verkehr gebrachten Geräte. Fristen: 1. Mai, 1. August, 1. November, 1. Februar.
  • Bringen Sie das Symbol der durchgestrichenen Mülltonne auf Produkt und Verpackung an.

Typische Kosten: €2.000-4.500 initial (Registrierung + Garantie). Laufend: €200-800/Jahr je nach Mengen.

Typische Dauer: 4-8 Wochen. Kann sich bei fehlenden Unterlagen auf 12 Wochen ziehen.

Risiko bei Nichtbeachtung: Bußgeld bis €100.000. Vertriebsverbot. Amazon deaktiviert Listings innerhalb von 48 Stunden wenn die WEEE-Registrierungsnummer fehlt oder ungültig ist.

Schritt 3: VerpackG & LUCID-Registrierung

Betrifft: Jeden, der Verpackungen in Umlauf bringt, die beim Endverbraucher als Abfall anfallen. Das heißt: jede Brand die Produkte in Deutschland verkauft.

Checkliste VerpackG/LUCID:

  • Registrieren Sie sich im LUCID-Register der Zentralen Stelle Verpackungsregister (verpackungsregister.org). Kostenlos. Dauert 1-2 Tage.
  • Schließen Sie einen Lizenzvertrag mit einem dualen System ab (z.B. Der Grüne Punkt, Reclay, Interseroh, BellandVision). Das duale System organisiert die Sammlung und Verwertung Ihrer Verpackungen.
  • Melden Sie Ihre Verpackungsmengen. Gewicht in Kilogramm, aufgeteilt nach Materialfraktion: Glas, Papier/Pappe/Karton, Kunststoff, Aluminium, Weißblech, Verbundstoffe.
  • LUCID-Registrierungsnummer auf Ihren Amazon-Listings hinterlegen. Amazon prüft das seit 2022 aktiv.

Typische Kosten: LUCID-Registrierung: kostenlos. Lizenzgebühr beim dualen System: ab €120/Jahr für Kleinstmengen. Bei 10.000 Einheiten mit Standard-Kartonverpackung: ca. €300-600/Jahr.

Typische Dauer: 1-2 Wochen komplett.

Risiko bei Nichtbeachtung: Bußgeld bis €200.000. Vertriebsverbot. Abmahnungen durch Wettbewerber (eine beliebte Einnahmequelle spezialisierter Kanzleien in Deutschland — kein Witz).

Schritt 4: GPSR — General Product Safety Regulation

Betrifft: Alle Verbraucherprodukte. Seit 13. Dezember 2024 verpflichtend.

Was sich geändert hat: Die GPSR ersetzt die alte Richtlinie über allgemeine Produktsicherheit. Wichtigste Neuerung: Für jedes Produkt muss ein Wirtschaftsakteur in der EU benannt werden — der sogenannte "Responsible Person" oder "EU-Verantwortliche". Name und Kontaktdaten müssen auf dem Produkt oder der Verpackung stehen.

Checkliste GPSR:

  • Bestimmen Sie einen EU-Verantwortlichen. Das kann Ihr Distributor sein, ein Bevollmächtigter oder ein Fulfillment-Dienstleister mit Sitz in der EU.
  • Stellen Sie sicher dass Name, Postanschrift und elektronische Kontaktdaten des EU-Verantwortlichen auf dem Produkt oder der Verpackung stehen.
  • Erstellen oder aktualisieren Sie die technische Dokumentation mit einer Risikoanalyse.
  • Richten Sie ein System zur Meldung von Unfällen und Produktrückrufen ein.
  • Aktualisieren Sie Ihre Amazon-Listings: Amazon verlangt seit Januar 2025 die GPSR-Informationen in den Produktdaten.

Typische Kosten: €500-2.000 für die Dokumentation. EU-Verantwortlicher (wenn extern): €500-1.500/Jahr.

Schritt 5: Batteriegesetz (BattG) & neue EU-Batterieverordnung

Betrifft: Alle Produkte die Batterien enthalten — auch eingebaute, nicht wechselbare Akkus.

Checkliste:

  • Registrierung beim Umweltbundesamt (UBA) als Batteriehersteller oder Bevollmächtigter.
  • Anzeige beim UBA vor dem erstmaligen Inverkehrbringen.
  • Rücknahmesystem einrichten: Vertrag mit einem Rücknahmesystem (z.B. GRS Batterien, REBAT).
  • Kennzeichnung: Durchgestrichene Mülltonne auf der Batterie + chemische Symbole (Pb, Cd, Hg) falls zutreffend.
  • Hinweis auf Rückgabemöglichkeit auf der Verpackung oder dem Produkt.

Achtung: Die neue EU-Batterieverordnung (2023/1542) bringt ab 2025-2027 schrittweise neue Anforderungen. Darunter: CO2-Fußabdruck-Deklaration, Mindestrezyklatgehalt, digitaler Batteriepass. Betrifft aktuell vor allem größere Batterien — aber planen Sie voraus.

Typische Kosten: €200-800 Registrierung. Rücknahmesystem: ab €150/Jahr.

Die Reihenfolge: Was zuerst?

Die Registrierungen haben Abhängigkeiten. Hier die optimale Reihenfolge die wir bei SELECTNOIR verwenden:

Woche 1-2: USt-Registrierung anstoßen (dauert am längsten). Parallel: LUCID-Registrierung (geht schnell).

Woche 2-4: CE-Dokumentation prüfen oder erstellen. GPSR-Verantwortlichen bestimmen. WEEE-Registrierung starten.

Woche 4-6: Duales System beauftragen (VerpackG). BattG-Registrierung falls relevant. Amazon-Account mit allen Registrierungsnummern bestücken.

Woche 6-8: Alle Registrierungen abgeschlossen. Compliance-Dossier erstellen und dokumentieren. Produkte dürfen verkauft werden.

8 Wochen. Wenn alles glatt läuft. Rechnen Sie mit 10-12 Wochen als realistischen Puffer. Bei Blumat, die mit ihren Bewässerungssystemen zwar nicht in die WEEE-Kategorie fallen, aber VerpackG und GPSR brauchten, waren wir in 5 Wochen durch. Bei Elektronik-Brands dauert es länger.

Häufige Fehler

  • LUCID-Nummer nicht auf Amazon hinterlegt. Amazon scannt automatisch. Fehlende Nummer = Listing-Deaktivierung. Ohne Warnung.
  • WEEE unter falscher Kategorie registriert. Führt zu falschen Garantiesummen und potenziellen Nachforderungen.
  • CE-Kennzeichnung ohne Dokumentation. Das CE-Zeichen aufdrucken reicht nicht. Ohne technische Dokumentation ist es wertlos — und strafbar.
  • GPSR ignoriert. Viele Brands wissen noch nicht einmal, dass die GPSR seit Dezember 2024 gilt. Amazon hat die Durchsetzung Anfang 2025 verschärft.
  • Keine EU-Adresse auf der Verpackung. Seit GPSR Pflicht. Nicht nur auf dem Listing — auf dem physischen Produkt oder der Verpackung.

Compliance ist nicht das spannendste Thema. Ich weiß. Aber es ist das Fundament auf dem alles andere steht. Wenn dieses Fundament fehlt, kann Ihr Produkt jederzeit vom Markt genommen werden — egal wie gut Ihre PPC-Kampagnen laufen oder wie schön Ihr Listing ist.

Machen Sie es einmal richtig. Dann haben Sie Ruhe.

Bei Fragen zu spezifischen Produktkategorien: Schreiben Sie uns. Wir können in 15 Minuten einschätzen welche Registrierungen Sie brauchen und was sie kosten werden.

— Benedict

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